Sind Sie im Raum, oder ist der Raum in Ihnen?


Weil alles, was wir sehen, ein Bild ist, das in unserem Gehirn entsteht, ist auch unser eigener Körper ein Bild im Gehirn.

Einer der Gründe, der das Verständnis daran hindert, dass die Bilder, die gesehen werden, tatsächlich im Gehirn wahrgenommen werden, ist, dass man auch seinen Körper innerhalb dieser Bilder sieht. Sie kommen zu einem Schluss, indem Sie sagen "Da ich in diesem Raum bin, entsteht der Raum nicht in meinem Gehirn." Ihr Fehler ist, Sie vergessen, dass Ihr Körper auch nur ein Bild ist. Wie alles, was wir um uns herum sehen, ein Bild ist, das im Gehirn entsteht, existiert in derselben Weise auch unser Körper als ein Bild im Gehirn. Beim Sitzen auf einem Lehnsessel können Sie den Rest Ihres Körpers unter Ihrem Hals sehen. Dieses Bild wird durch dasselbe Wahrneh-mungssystem wie allen anderen Bilder produziert. Wenn Sie Ihre Hand auf Ihr Bein legen, empfinden Sie ein kinästhetisches Gefühl im Gehirn. Dies heißt, dass Sie Ihren Körper im Gehirn sehen, und Sie fühlen, dass Sie Ihren Körper berühren, im Gehirn.

Ist also der Raum in Ihnen oder sind Sie im Raum, wenn der Körper ein Bild im Gehirn ist? Die offensichtliche Antwort auf diese Frage ist, dass der Raum in Ihnen ist. Sie sehen das Bild Ihres Körpers innerhalb des Raumes, dessen Bild im Gehirn gebildet wird.

Lassen Sie uns diese Wirklichkeit anhand eines weiteren Beispiels erklären. Lassen Sie uns annehmen, dass Sie einen Aufzug rufen. Wenn er ankommt, ist Ihr Nachbar, der im oberen Stockwerk lebt, auch im Aufzug. Sie betreten den Aufzug. Wie ist nun die Wirklichkeit, sind Sie im Aufzug, oder ist er in Ihnen? Die Wahrheit ist: Der Aufzug entsteht gemeinsam mit den Bildern Ihres Nachbarn und Ihres eigenen Körpers in Ihrem Gehirn.

Wir befinden uns also nicht "innerhalb" von etwas. Alles ist innerhalb von uns, alles entsteht in unserem Gehirn. Dass die Sonne, der Mond, die Sterne oder ein fliegendes Flugzeug viele Meilen von uns entfernt sind, ändert diese Tatsche nicht. Die Sonne und der Mond sind wie dieses Buch, das Sie in Ihrer Hand halten, nur Bilder, die im winzig kleinen Sehzentrum innerhalb Ihres Gehirns entstehen.


Da auch Ihr Körper ein Bild ist, das in Ihrem Gehirn gesehen wird, ist die Frage folgende: Ist der Raum, in dem Sie sich befinden, in Ihnen oder sind Sie innerhalb des Raumes? Die Antwort ist klar: Selbstverständlich ist der Raum in Ihnen, nämlich im Sehzentrum Ihres Gehirns.

Die Welt der Wahrnehmungen kann auch ohne die Existenz der Außenwelt entstehen

Die Behauptung, dass die Welt der Wahrnehmungen, die wir sehen, ein materielles Gegenstück in der Außenwelt hat, ist falsch. Wir brauchen keine äußere Welt, damit in unserem Gehirn Wahrnehmungen entstehen können. Viele technologische Entwicklungen wie Simulatoren und auch unsere Träume beweisen diese Wahrheit.

Die Wissenschaftsautorin Rita Carter gibt in ihrem Buch "Mapping the Mind" zu, dass "man kein Auge braucht um zu sehen", und sie beschreibt ganz ausführlich ein Experiment, das von Wissenschaftlern durchgeführt wurde. Im Experiment wurden blinde Patienten mit einem Gerät ausgestattet, das Videobilder in vibrierende Impulse umwandelte. Eine Kamera, die neben den Augen der Testpersonen befestigt wurde, leitete die Impulse zum Gehirn. Auf diese Weise konnten die Probanden Reize aus der visuellen Welt empfangen. Nach einer Weile begannen die Testpersonen, sich so zu benehmen, als ob sie wirklich sehen könnten. Es gab ein Zoomobjektiv an einem der Geräte, um das Bild heranzuholen. Wenn das Zoom betätigt wurde, ohne den Betreffenden vorher zu informieren, hatte dieser den Drang, sich mit seinen Armen zu schützen, weil es so erschien, als ob die Welt plötzlich auf ihn einstürzen würde.16


In einem Experiment wurden blinden Menschen mit Hilfe eines technischen Geräts visuelle Reize gezeigt. Obwohl diese Menschen durch das Gerät künstlich hergestellte Reize empfingen, die nicht zur Außenwelt gehörten, konnten sie sehr realistische Bilder sehen. Wenn sie unter dem Eindruck standen, dass etwas auf sie zu kam, wichen sie zurück, um sich zu schützen.

Wie dieses Experiment gezeigt hat, ist es nicht notwendig, dass Objekte in der äußeren Welt materielle Gegenstücke haben, damit unsere Wahrnehmungen entstehen können. Alle Reize können künstlich hergestellt werden.

Die "Welt der Wahrnehmungen", die wir im Traum empfinden

Ein Mensch kann alle Wahrnehmungen ohne die Existenz der Außenwelt ganz lebhaft empfinden. Das offensichtlichste Beispiel dieser Tatsache ist der Traum. Ein Mensch liegt schlafend in seinem Bett, während er träumt. Trotzdem nimmt dieser Mensch alle Ereignisse, die er in seinem Traum erlebt, alle Gefühle und Reize, die er empfindet, so realistisch wahr, dass diese vom wirklichen Leben nicht unterschieden werden können. Jeder, der dieses Buch liest, weiß dies aus seinen eigenen Träumen.


Jemand, der in seinem Traum sieht, dass er an einem kalten Morgen im Winter im Garten sitzt, kann sich wegen des Windes erkälten und zu zittern beginnen. Jedoch gibt es weder Wind noch Kälte dort, wo er sich befindet. Er schläft sogar in einem sehr warmen Raum. Trotzdem empfindet er das Gefühl der Kälte ganz realistisch. Es gibt überhaupt keinen Unterschied zwischen der Kälte, die er in der "wirklichen Welt" empfinden würde und der Kälte, die er in seinem Traum empfindet.

Ein Mensch, der nachts in ruhiger Atmosphäre allein in seinem Bett schläft, kann sich in seinem Traum in einer gefährlichen Situation auf einem Platz voller Menschen sehen. Er kann ganz realistisch erleben, dass er verzweifelt vor der Gefahr flieht und sich hinter einer Mauer versteckt. Die Bilder in seinem Traum sind so realistisch, dass er Furcht und Panik so empfindet, als wäre er tatsächlich gefährdet. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals, er schwitzt, und er zeigt alle andere physiologischen Symptome, die der menschliche Körper in einer Stresssituation aufweist. Jedoch gibt es keine tatsächlichen Ereignisse in seinem Traum. Sie existieren nur in seinem Gedächtnis.


Eine Mann, der in einem bequemen Bett in seinem Haus schläft, kann träumen, dass er mitten in einem Krieg ist. Und er kann die ganze Spannung, Furcht und Panik des Krieges ganz realistisch erleben. Zu dieser Zeit schläft er aber allein in einem bequemen Bett. Die realistischen Geräusche und Erscheinungen, die er in seinen Traum sieht, treten in seinem Gehirn auf.

Ein Mensch, der in seinem Traum eine Treppe hinunterfällt, fühlt dieses Ereignis mit seinem ganzen Körper, obwohl er bewegungslos auf seinem Bett liegt. Jemand, der in seinem Traum in eine Pfütze rutscht, kann fühlen, dass seine Kleidung nass wird und dass er sich wegen des Windes erkältet. Es gibt aber weder die Pfütze, noch den Wind. Obwohl er in einem warmen Raum schläft, erlebt er die Nässe und Kälte so, als ob er wach ist.


Ein Mensch, der in seinem Haus schläft, kann in seinem Traum sehen, dass er sich in einem Ver-gnügungspark in einer schnell fahrenden Achter-bahn befindet. Er kann die Geschwindigkeit der Wagen, den Wind, den er in einem schnellen Wagen in der wirklichen Welt empfinden würde, ganz realistisch wahrnehmen.

Jemand, der glaubt, dass er in seinem Traum mit dem Original der materiellen Welt konfrontiert ist, kann sehr selbstsicher sein. Er kann in seinem Traum seine Hand auf die Schulter seines Freundes legen, der ihm erklärt, dass "Materie eine Illusion ist, dass es nicht möglich ist, mit dem Original der Außenwelt konfrontiert zu sein". Als Erwiderung kann er zu ihm folgendes sagen: "Bin ich nun eine Illusion? Fühlst du meine Hand auf deiner Schulter nicht? Wie kannst du dann eine Illusion sein? Woher nimmst du solche Behauptungen? Komm, machen wir zusammen eine Bosporustour, wir können über dieses Thema sprechen, und du kannst mir erklären, warum du an so etwas glaubst." Der Traum, den er in seinem tiefen Schlaf sieht, ist so klar, dass er den Motor mit Vergnügen anstellt, langsam Gas gibt und das Gaspedal plötzlich durchtritt, so dass das Auto vehement beschleunigt. Während er die Strasse entlang fährt, sehen die Bäume und die Straßenschilder vollkommen real aus. Noch dazu atmet er die saubere Luft des Bosporus ein; genau in dem Augenblick, in dem er seinem Freund erklären will, dass das, was er in diesem Moment erlebt, kein Traum ist, wacht er durch den Wecker auf. Interessanterweise wird derselbe Mensch bestreiten, wenn ihm im Wachzustand erklärt wird, dass das was er sieht, nur Bilder sind, die in seinem Gehirn entstehen.

Jemand, der glaubt, dass er in seinem Traum mit dem Original der materiellen Welt konfrontiert ist, kann sehr selbstsicher sein. Er kann in seinem Traum seine Hand auf die Schulter seines Freundes legen, der ihm erklärt, dass die Materie eine Illusion ist, dass es nicht möglich ist, mit dem Original der Außenwelt konfrontiert zu sein. Als Erwiderung kann er zu ihm folgendes sagen: "Bin ich nun eine Illusion? Fühlst du meine Hand auf deiner Schulter nicht? Wie kannst du dann eine Illusion sein?"

Dann lädt er seinen Freund zu einer Fahrt in seinem Auto ein: "Komm, machen wir zusammen eine Bosporustour, wir können über dieses Thema sprechen und du kannst mir erklären, warum du so etwas glaubst."

Der Traum, den er in seinem tiefen Schlaf sieht, ist so realistisch, dass er den Motor mit Vergnügen anstellt, langsam Gas gibt und das Gaspedal plötzlich durchtritt, so dass das Auto vehement beschleunigt.

Während er mit seinem Freund die Strasse entlang fährt, empfindet er den Geruch des Meeres, das Geräusch der Wellen und den Wind so, als ob sie real wären.

Während er schneller fährt, sehen die Bäume und Straßenschilder vollkommen real aus. Noch dazu atmet er die saubere Luft des Bosporus ein.

Aber genau in dem Augenblick, in dem er seinem Freund erklären will dass das, was er in diesem Moment erlebt, kein Traum ist, wacht er durch den Wecker auf. Als er wach ist, versteht er, dass die Ereignisse und Bilder, von deren Wirklichkeit er ganz überzeugt war, nur ein Traum waren. Wie aber, wenn er sich jetzt in einem anderen Traum befände, von dem er in kurzer Zeit aufwachen wird?

Wenn die Menschen aufwachen, verstehen sie dass das, was sie bis zu diesem Moment gesehen haben, ein Traum war. Aus irgendeinem Grund aber sind sie nicht misstrauisch, dass der Lebensabschnitt, der mit einem Bild des "Aufwachens" beginnt, was sie dann "wirkliches Leben" nennen, auch ein Traum sein könnte. Jedoch ist die Art und Weise, wie wir die Bilder wahrnehmen, die wir für "das wirkliche Leben" halten, genau dieselbe Art und Weise, in der wir unsere Träume wahrnehmen. Wir erleben beide im Gehirn, können aber nicht verstehen, dass sie Illusionen sind, bis wir aufwachen. Nur dann sagen wir "Was ich gerade gesehen habe, war ein Traum". Wie aber können wir prüfen ob dass, was wir in diesem Augenblick sehen, nicht auch ein Traum ist? Wir nehmen vielleicht an, dass der Moment, in dem wir leben, real ist, nur weil wir noch nicht wach sind. Es ist möglich, dass wir diese Tatsache entdecken werden, wenn wir aus diesem "Traum" aufgeweckt werden, der lediglich länger als die Träume sein könnte, die wir sonst sehen. Wir haben überhaupt keinen Nachweis, der uns das Gegenteil dieser Überlegung beweisen könnte.

Viele islamische Gelehrte haben bereits des öfteren verkündigt, dass das irdische Leben wie ein Traum ist und dass die Menschen nur dann verstehen werden, dass sie in einer traumhaften Welt leben, wenn sie von diesem Traum mit "einem großen Erwachen" aufwachen. Ein großer islamischer Gelehrte, Muhyiddin Ibn al-'Arabi, der wegen seines überlegenen Wissens als Scheich ül Akbar (der größte Scheich - Shaikh-i Akbar) bekannt ist, vergleicht die Welt mit unseren Träumen, indem er ein Sprichwort des Propheten Muhammad zitiert:

Der Prophet Muhammad sagte, dass "Menschen schlafen und sie nur dann aufwachen, wenn sie sterben." Das heißt, alles, was die Menschen im weltlichen Leben sehen, ähnelt dem, was ein schlafender Mensch in seinem Traum sieht." 17

In einem Quranvers erklärt Allah uns, dass die Menschen am Jüngsten Tag folgendes sagen werden, wenn sie vom Tod auferstanden sind:

Sie werden rufen: "Wehe uns! Wer hat uns aus unserem Schlaf geweckt? Das ist es, was der Erbarmer vorausgesagt hatte, und die Gesandten hatten doch die Wahrheit gesprochen!" (Sure 36:52 - Ya Sin)

Wie der Vers uns zeigt, wachen die Menschen am Jüngsten Tag auf, als ob sie aus einem Traum erwachen. Wie jemand, der in tiefem Schlaf aus der Mitte seines Traums gerissen wird, fragen solche Menschen, wer sie aufgeweckt habe. Wie der Vers andeutet, ist das weltliche Leben wie ein Traum und jeder wird aus diesem Traum aufwachen und beginnen, Bilder des Jenseits zu sehen, welches das wirkliche Leben ist.

ES KÖNNTE SEIN, DASS SIE IHR LEBEN WIE IHRE TRÄUME VON EINEM ANDEREN ORT AUS BETRACHTEN
Jemand, der in seinem Traum Kaffe trinkt, nimmt den Zucker des Kaffees, seine Dickflüssigkeit, den Geschmack der Milch so wahr, als ob er wirklich Kaffee tränke. Es gibt jedoch weder Kaffee noch etwas anderes zum Trinken. Beispielsweise, wenn jemand kommt und dem, der in seinem Traum Kaffee trinkt, sagt "Du träumst gerade und dieser Kaffee ist eine Illusion", erhebt er Einspruch gegen diese Behauptung. Er sagt: "Wie kann es eine Illusion sein? Schau, ich empfinde seine Wärme. Wenn ich ihn in einem Zug hinunter trinken würde, würde ich mir die Zunge verbrennen. Mein Durst wurde sogar gelöscht, als ich den Kaffee trank. Könnte er meinen Durst stillen, wenn er eine Illusion wäre?" Dieser Mensch begreift nur dann, dass der Kaffee ein Bild innerhalb seines Gehirns ist und dass die Gefühle wie Wärme und Durst wiederum Wahrnehmungen sind, die in seinem Gehirn entstehen, wenn er aus seinem Schlaf aufwacht.

Unsere Erlebnisse in unseren Träumen und im tatsächlichen Leben basieren auf derselben Logik. Wir erleben unsere Träume und unser tatsächliches Leben beide in unserem Gehirn. Der einzige Grund, warum wir unsere Träume "Illusion" nennen, ist, dass wir uns wenn wir aufwachen, in unserem Bett befinden, und deswegen glauben wir, dass wir geschlafen haben und alles in unserem Traum gesehen haben.

Könnten Sie also bemerken, dass sie einen Traum sehen und dass Sie mit dem Original dessen, was Sie in Ihrem Traum erlebt und gesehen haben, nie konfrontiert sein können, wenn Sie weiterleben würden, ohne aufzuwachen?

Ganz bestimmt nicht; Sie können nie verstehen, dass sie sich in einem Traum befinden, solange Sie sich selbst auf Ihrem Bett schlafend finden und sie verbringen ein ganzes "Leben im Traum", indem Sie annehmen, dass Sie Ihr wirkliches Leben führen. Wie können Sie dann beweisen, dass unser Leben, das wir das "wirkliche Leben" nennen, kein Traum ist? Haben wir eine Garantie, dass wir nicht eines Tages aus diesem Leben gehen und uns an einem ganz anderen Ort wiederfinden werden, wo wir uns die Bilder ansehen, die zu unserem jetzigen Leben gehören?


16. Rita Carter, Mapping The Mind, S. 113
17. Muhyiddin Ibn Al-'Arabi, Fusus al-Hikam, Übersetzt aus dem Türkischen (Fusus-ül Hikem, Nuri Gencosman, Istanbul, 1990), S. 220