| DIE WELT IN UNSEREM GEHIRN
Wenn Sie aus dem Fenster schauen, denken Sie, dass
Sie den Ausblick, der sich ihnen bietet, mit Ihren Augen sehen,
denn Sie haben gelernt, so zu denken. Die Wirklichkeit ist jedoch
anders. Sie können die Welt mit Ihren Augen nicht sehen. Sie sehen
nur ein Bild, das in Ihrem Gehirn entsteht. Dies ist keine bloße
Vermutung oder eine philosophische These, sondern eine wissenschaftlich
bewiesene Tatsache.
Dies kann besser verstanden werden, wenn wir erkennen,
wie der Sehvorgang funktioniert. Das Auge ist für das Umwandeln
des Lichtes in einen elektrischen Impuls mittels der Zellen in der
Netzhaut (Retina) verantwortlich. Dieser elektrische Impuls erreicht
das Sehzentrum im Gehirn. Die Impulse bilden die Erscheinung, die
Sie sehen, wenn Sie aus dem Fenster blicken. Die Erscheinungen,
die Sie sehen, werden also in Ihrem Gehirn verursacht.
Sie sehen ein Bild in Ihrem Gehirn, nicht die Aussicht
außerhalb des Fensters. In der Abbildung, die auf der rechten Seite
zu sehen ist, erreicht das Licht die Augen der Person von außen.
Dieses Licht wird in elektrische Impulse umgewandelt und durch Neuronen
zu einem winzigen Punkt im hinteren Teil des Gehirns, dem "Sehzentrum",
weitergeleitet. Es sind diese elektrischen Impulse, die das räumliche
Bild im Gehirn entstehen lassen. Tatsächlich aber, wenn wir das
Gehirn öffnen würden, könnten wir kein Bild sehen. Jedoch empfängt
eine Art Bewusstsein im Gehirn elektrische Impulse in Form eines
Bildes, obwohl es kein Auge, keine Sehzellen oder Netzhaut hat.
Wem also gehört das Bewusstsein im Gehirn?
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Jemand, der aus dem Fenster
auf die Landschaft schaut, sieht kein Bild, das außerhalb
von ihm existiert, sondern ein Bild, das zur Landschaft
innerhalb seines Gehirns gehört. |
| Das Licht, welches das Auge erreicht,
wird durch die Sehzellen des Auges in elektrische Impulse
umgewandelt und dem Sehzentrum an der Hinterseite des
Gehirns übermittelt. Ein "Bewusstsein" innerhalb unseres
Gehirns empfängt die elektrischen Impulse, und nimmt sie
als die Landschaft wahr. |
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Die gleiche Frage kann über dieses Buch gestellt werden,
das Sie gerade lesen. Das Licht, das Ihr Auge erreicht, wird in
elektrische Impulse umgewandelt und erreicht Ihr Gehirn, wo das
Bild des Buches entsteht. Das bedeutet, das Buch, das Sie im Augenblick
lesen, befindet sich nicht außerhalb von Ihnen, sondern es ist in
Ihnen, im Sehzentrum im hinteren Teil Ihres Gehirns. Da Sie die
Festigkeit des Buches mit Ihren Händen fühlen können, denken Sie,
das Buch befinde sich außerhalb von Ihnen. Jedoch entsteht auch
dieses Gefühl der Festigkeit in Ihrem Gehirn. Die Nerven auf Ihren
Fingerspitzen senden elektrische Informationen zum Zentrum des Tastsinnes
in Ihrem Gehirn. Wenn Sie das Buch berühren, fühlen Sie seine Beschaffenheit,
die glatte Oberfläche der Seiten, die Qualität des Buchdeckels und
die Schärfe der Seitenränder innerhalb Ihres Gehirns.
Sie können
jedoch das Original dieses Buches nie berühren.
Obwohl Sie denken, dass Sie das Buch berühren, ist es Ihr Gehirn,
das es durch seinen Tastsinn wahrnimmt. Sie wissen nicht einmal,
ob dieses Buch als ein materielles Objekt außerhalb Ihres Gehirns
überhaupt existiert. Sie interpretieren lediglich das Bild des Buches
innerhalb Ihres Gehirns. Sie sollten sich nicht durch die Tatsache
täuschen lassen, dass ein Autor dieses Buch geschrieben hat, dass
die Seiten mit Hilfe eines Computers entworfen und von einem Verleger
gedruckt wurden. Wie Sie gleich erkennen werden, sind die Menschen,
die in jedem Stadium der Herstellung dieses Buches vorkommen, die
Computer und der Verleger nur Bilder, die in Ihrem Gehirn vorhanden
sind, Sie können nie wissen, ob sie außerhalb Ihres Gehirns existieren
oder nicht.
SIE KÖNNEN DAS ORIGINAL EINES BUCHES
NIE BERÜHREN |
Wir können folglich zu dem Schluss kommen, dass alles,
was wir sehen, berühren und hören, nur in unserem Gehirn existiert.
Dies ist eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache; und der eigentliche
Punkt ist hier die Frage, die sich aus dieser Tatsache ergibt: Wer
oder was ist es, der diese Erscheinungen in unserem Gehirn sieht,
ohne Augen zu haben und sie der sie genießen kann, der aufgeregt
und glücklich sein kann?
Wir wissen, dass wir die einzelnen Merkmale der Welt
durch unsere Sinnesorgane erfahren. Die Informationen, die uns durch
diese Organe erreichen, werden in elektrochemische Impulse umgewandelt,
und die einzelnen Teile unseres Gehirns analysieren und verarbeiten
diese Impulse. Nachdem dieser Interpre-tationsprozess innerhalb
unseres Gehirns stattgefunden hat, sehen wir z.B. ein Buch, schmecken
eine Erdbeere, riechen eine Blume, fühlen die Beschaffenheit eines
Seidenstoffs oder hören das Rascheln der Blätter im Wind.
Wir haben gelernt, dass wir die Dinge die sich außerhalb
unseres Körpers befinden, tatsächlich berühren können, das Buch,
das wir im Abstand von 30 Zentimetern vor unsere Augen halten lesen,
dass wir die Bäume, die weit von uns entfernt sind, riechen oder
das Rascheln der Blätter, die sich hoch über uns befinden, hören.
Jedoch entsteht all dies in uns. All diese Vorgänge geschehen innerhalb
unseres Gehirns.
An diesem Punkt stoßen wir auf eine andere überraschende
Tatsache: Innerhalb unseres Gehirns gibt es weder Farben und Töne
noch Bilder. Alles, was in unserem Gehirn gefunden werden kann,
sind elektrische Signale. Auch dies ist keine philosophische Vermutung.
Es ist eine wissenschaftliche Be-schreibung der Funktion unserer
Wahrnehmungen. In ihrem Buch, "Mapping The Mind", erklärt Rita Carter
die Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, wie folgt:
Jedes Sinnesorgan ist dafür ausgelegt, sich mit einer bestimmten
Art von Reizen zu befassen: diese Reize sind Moleküle, Wellen
oder Vibrationen. Doch trotz ihrer wundervollen Vielfalt erledigt
jedes Organ im wesentlichen die gleiche Arbeit: es übersetzt
eine bestimmte Art von Reizen in elektrische Impulse. Ein
Impuls ist nur ein Impuls. Er ist keine rote Farbe oder die
ersten Noten von Beethovens 5. Symphonie, sondern eine elektrische
Energie. In der Tat wandeln die Sinnesorgane alle eintreffenden
Reize in elektrische Impulse um.
Alle sensorischen Reize treten in das
Gehirn in mehr oder weniger undifferenzierter Form als ein Strom
elektrischer Impulse ein. Dies ist alles, was geschieht.
Es gibt keine Retransformation, die in
irgendeinem Stadium des Prozesses diese elektrische Aktivität
in Lichtwellen oder Moleküle zurückverwandeln würde.
Was den einen Impulsstrom in Bilder und einen anderen in Geruch
umwandelt, hängt viel mehr davon ab, welche Neuronen gereizt
werden.1


Wir leben unser Leben innerhalb
unseres Gehirns. Die Menschen, die wir sehen, die Blumen,
die wir riechen, die Musik, der wir zuhören, die Früchte,
die wir schmecken, die Feuchtigkeit, die wir auf unserer
Hand fühlen... All dies wird in unserem Gehirn gebildet.
In Wirklichkeit existieren weder Farben noch Töne noch
Bilder im Gehirn. Das Einzige, das existiert, sind elektrische
Impulse. Wir leben in einer Welt, die aus elektrischen
Impulsen in unserem Gehirn hergestellt wird. Das ist
nicht irgendeine Meinung oder eine Hypothese, sondern
die wissenschaftliche Erklärung, wie wir die Welt wahrnehmen.
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All unsere Gefühle und Wahrnehmungen über die Welt
(Gerüche, Erscheinungen, Geschmäcke usw.) bestehen aus demselben
"Material", aus elektrischen Impulsen. Es ist unser Gehirn, das
diesen Impulsen eine Bedeutung verleiht, und sie als Geruch, Geschmack,
Geräusch oder Berührung interpretiert. Es ist eine unglaubliche
Tatsache, dass das Gehirn, das aus nichts als nassem Fleisch besteht,
wissen kann, welcher elektrische Impuls als Geruch und welcher
andere als Bild gedeutet werden soll und dass es aus Impulsen
unterschiedliche Sinne und Gefühle hervorrufen kann.
Lassen Sie uns jetzt unsere Sinnesorgane betrachten,
und wie diese die Welt wahrnehmen.
Es sind nicht unsere Augen, die sehen, sondern unser
Gehirn
Weil wir es unser Leben lang so gelernt haben, stellen
wir uns vor, dass wir die Welt mit unseren Augen sehen. Wir kommen
zu dem Schluss, dass unsere Augen unsere Fenster zur Welt sind.
Die Wissenschaft jedoch zeigt uns, dass
wir nicht mit unseren Augen sehen. Unsere Augen und Millionen
Nervenzellen in den Augen sind dafür verantwortlich, dem Gehirn
eine Mitteilung zu schicken, damit der Vorgang des "Sehens" stattfinden
kann. Erinnern wir uns, was wir in der Schule gelernt haben:
Das Licht, das auf das Auge fällt, tritt durch die
Linse an der Vorderseite des Auges ein, wobei es gebrochen wird
und seitenverkehrt auf die Netzhaut an der Hinterseite des Auges
projiziert wird. Nach einer Reihe chemischer Prozesse wandeln
die Stäbchen- und Zapfenzellen in der Netzhaut dieses Bild in
elektrische Impulse um. Diese elektrischen Signale werden durch
die Augennerven zu einem winzigen Punkt im hinteren Teil des Gehirns,
dem "Sehzentrum", weitergeleitet. Im Gehirn werden diese Impulse
als bedeutungsvolles und dreidimensionales Bild wahrgenommen.
Wenn wir spielende Kinder in einem Park betrachten,
sehen wir diese Kinder und den Park nicht mit unseren Augen, denn
dieses Bild entsteht nicht vor unseren Augen, sondern im hinteren
Teil unseres Gehirns.
ALLES,
WAS WIR SEHEN UND BESITZEN, IST EIN BILD, DAS IN UNSEREM
GEHIRN ENTSTEHT
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Trotz dieses einfachen Beispiels ist der Sehvorgang
tatsächlich ein überaus komplizierter Prozess. Lichtstrahlen werden
in elektrochemische Impulse umgewandelt und bilden eine dreidimensionale,
farbige und helle Welt. R. L. Gregory, Autor des Buches "Eye
and Brain" (Auge und Gehirn), erklärt die großartige Struktur
des Sehsystems folgendermaßen:
Man bedenke, dass wir kleine, verzerrte und auf dem Kopf
stehende Bilder durch die Augen erhalten, und was wir sehen
sind solide Objekte in einer räumlichen Umgebung. Von den
Reproduktionsmustern auf der Netzhaut nehmen wir die Welt
der Objekte wahr, und das ist eigentlich ein Wunder! 2
Ein Mensch, der ein kleines
Kind betrachtet, während es mit einem Ball spielt,
sieht es tatsächlich nicht mit seinen Augen. Die Augen
sind nur dafür verantwortlich, das Licht auf die Netzhaut
zu leiten. Wenn das Licht die Netzhaut erreicht, bildet
sich ein seitenverkehrtes, zweidimensionales Bild
des Kindes auf ihr. Dann wird dieses Bild in einen
elektrischen Strom umgewandelt, welcher dem Sehzentrum
an der Rückseite des Gehirns übermittelt wird, wo
das Bild des Kindes tadellos in dreidimensionaler
Form gesehen wird. Wer aber sieht das dreidimensionale
Bild des Kindes in vollkommener Klarheit an der Rückseite
des Gehirns? Offenbar ist das, wovon wir hier sprechen,
die Seele, die ein Wesen jenseits des Gehirns ist. |
1. Rita Carter, Mapping The Mind, University of
California Press, London, 1999, S. 107
2. R. L. Gregory, Eye and Brain: The Psychology of Seeing, Oxford
University Press Inc. New York, 1990, S. 9
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